Aus dem Leben eines Kadett C Fahrers

Die folgenden Bilder und der Text wurde mir von Claus Moeller zur Verfügung gestellt, dem ich an dieser Stelle herzlich dafür danken möchte.

Dieses wunderbare Kadett C 1200 S Coupé legte ich mir als Neuwagen im September 1973 zu. Es löste meinen Ford Taunus GXL 2000 V6 ab, der am Ende seiner Kräfte war, obwohl er erst etwas mehr als zwei Jahre alt war, aber schon über 100.000 km auf dem Buckel hatte. Wer keine längeren Geschichten mag, bitte nicht weiterlesen.

Alle anderen, die es interessiert wie dieses Coupè mein ganzes Leben verändert hat, werden sich wundern, was ein Autokauf alles bewirken kann.

Alles begann auf einer Rückfahrt von meinem Elternhaus in Hamburg zu meinem Standort in Husum ( ich war Zeitsoldat bei der Luftwaffe ) auf der Autobahnbrücke über den Nord- Ostsee- Kanal bei Rendsburg in einer späten Novembernacht 1973! Ich hatte mich schon gewundert, daß die Fahrbahn so eigenartig glitzerte als ich auf dem Scheitelpunkt der Brücke war und dachte sofort daran, daß die Fahrbahn eisig sein könnte und ging vom Gas. Kaum hatte ich dies getan brach das Heck aus und ich machte eine 360 Grad Drehung! Mein Glück war, daß es zu dieser späten Stunde keine weiteren Autos weit und breit gab und ich die Nerven behielt und nicht auf die Bremse stieg und das Lenkrad so gerade hielt. Nach dieser Rutschfahrt ist mir trotz der eisigen Kälte richtig heiß geworden! Doch ich hatte nach dieser zum Glück schadlosen Achterbahnfahrt so richtig die Nase voll vom kühlen Norden! Am nächsten Morgen sah ich in der Kaserne am schwarzen Brett einen Aushang. Es wurde ein Posten für meine Spezialisierung für den Luftwaffenstützpunkt Decimomannu gesucht! Da ich von den Piloten mit denen ich in immer in Verbindung war wußte das dort warm war, denn sie sprachen immer von der Sonne in "Deci", dachte ich mir, ohne so richtig zu wissen wo das war, da muß ich mal versuchen hinzukommen und gab meine Bewerbung ab. Zwar war für die ganze Luftwaffe nur eine Stelle vorhanden, aber schaden konnte es ja nicht mitzumachen, denn wer nicht wagt, der nicht gewinnt war mein Motto.

Ich höhrte monatelang nichts mehr von dieser Sache und hatte auch schon alles vergessen. Es war Osterzeit 1974 und ich hatte die freudige Nachricht für meine Eltern damals aus der Telefonzelle vor der Kaserne übermittelt ( Handys waren ja noch nicht einmal erfunden ), daß ich über Ostern keinen Dienst hatte und nun alle Zeit haben würde unseren Garten zu gestallten. Das war am Mittwoch. Gründonnerstag kam ein Fernschreiben um 10 Uhr im Geschäftszimmer meiner Staffel an und ich wurde sofort vom "Spieß" angerufen daß ich augenblicklich in die Kaserne kommen sollte, denn ich war auf dem Flugplatzgelände. Ich dachte mir so einiges, was ich angestellt haben könnte, denn näheres wurde mir nicht mitgeteilt. Mit ungutem Gefühl setzte ich mich nicht allzu schnell in Bewegung, denn ich befürchtete Schlimmes, daß mein Urlaub über Ostern gestrichen war oder ähnliches. Nun denn, ich kam im Geschäftszimmer an und wurde sofort angespitzt: schnell, schnell, beeil dich deine Sachen zu packen, Laufzettel machen, bei den Behörden abmelden usw. du hast zwei Stunden Zeit, du wirst versetzt nach Decimomannu und sollst Dienstag nach Ostern dort sein! Waaas?

Mir fiel die Kinnlade runter. Ich weiss bis heute nicht wie ich das alles geschafft habe, besonders die Behörden im Ort von Husum waren einfach Klasse, das war eine Meisterleistung an unbürokratischem Verhalten! Ich packte daraufhin mein Auto voll und fuhr dann auch noch zum Flugplatz um meinen Laufzettel abzuhaken. Das ist eben unumgänglich. Da fragte ich dann bei den Piloten nach, wo Decimomannu eigentlich war. Ich hatte nämlich meine Zweifel, denn es könnte entweder Portugal oder Italien ( Sardinien ) sein. Man gab mir zu verstehen daß es Sardinien war denn in Portugal wäre Beja, das klang ja fast so ähnlich für jemand außenstehenden. Ich wollte mein neues Auto natürlich unbedingt mithaben und bestand deswegen darauf mit dem Auto runterzufahren und nicht mit der Trallalla ( wie die Transall bei uns hieß ) runtergeflogen zu werden. Nun der Abschied von meinen Kollegen ging schnell vonstatten und war für mich relativ schmerzlos, denn ich hatte ja die Sonne in Sicht. Am Donnerstag den 11. April 1974 ging es erstmal nachmittags nach Hamburg. Kaum war ich Zuhause angekommen, erzählte ich sofort, daß ich über Ostern doch Dienst hatte. Das Erstaunen war natürlich groß, bei Eltern und Freunden um welche Art von Dienst es sich handelte! Ich zeigte stolz meinen Nato- Marschbefehl und darin war vermerkt, daß ich mich am Dienstag den 16.4.1974 beim DtLwÜbPlKdo Decimomannu eintreffen müßte. Das war natürlich ein Schlag der erstmal verdaut werden mußte, auch weil nichts vorbereitet war und am nächsten Tag, Karfreitag, alle Geschäfte geschlossen waren. Also blieb nur noch Ostersonnabend zum Einkaufen und andere Besorgungen zu machen. Ich brauchte auch einen Reiseführer, der mir helfen sollte den Weg zu finden, denn ich sprach kein Wort italienisch, außer Pizza, Spaghetti und Tutti Frutti! Gesagt, getan und am Ostersonntagmorgen um 7 Uhr ging die Reise endlich los!

Das Wetter war ganz nach meinem Geschmack, leicht bewölkt und trocken und nicht zu warm ( Klimaanlage war ja damals ein Fremdwort ), doch ich konnte ja zum Glück auch das Schiebedach aufmachen, falls es wirklich zu warm werden sollte, denn ich fuhr ja gen Süden! Dadurch das ich mir die Landkarte gut angesehen und eingeprägt hatte kam ich gut voran, auch weil relativ wenig Verkehr war. Der Kadett war mit allen Sachen die mir lieb und teuer waren vollgestopft, auch mein allerliebstes Stück, mein Uher Royal De Luxe Tonbandgerät mitsamt Boxen und natürlich auch meine Bw-Ausrüstung. Durch meine schon große Erfahrung eigentlich von Geburt an wußte ich wo die besten Tankstellen waren und auch, daß ich unbedingt bis Mittags Frankfurt passieren mußte um nicht in viel Stau zu kommen. Es klappte hervorragend und um etwa 18 Uhr hatte ich sogar München passiert. Ich wollte über den Brenner fahren und meine Übernachtung in Meran oder Bozen machen, weil dort noch Deutsch gesprochen wurde ( ich konnte ja kein Italienisch ), um noch einige Informationen einzuholen, wo man am besten die Fähre nach Sardinien nimmt. Denn das hatte ich bisher in der ganzen Eile auch nicht im Reisebüro in Hamburg erfahren können. Ich passierte die Grenze nach Österreich in Kiefersfelden und langsam wurde ich ein wenig müde, denn ich hatte nur zum Tanken und zur Toilette gehen angehalten und panierte Schnitzel aus der Hand beim Fahren gegessen, die mir meine Mutter liebevoll zubereitet und mitgegeben hatte. Dabei gab sie mir auch noch etwas anderes auf den Weg und zwar den Ratschlag bloß keine Italienerin mit nach Hause zu bringen. Denn ich war zu der Zeit schon etwas länger wieder Single wie man heute sagen würde. "Nein bloß nicht, was soll ich denn damit anfangen, ich verstehe die doch gar nicht!" hatte ich ehrenwörtlich erwidert.

Das da etwas ganz anderes vom Schicksal zusammengebraut wurde, da hatte ich noch gar keine Ahnung! Ich kam ohne Probleme wie geplant um etwa 10 Uhr abends in Bozen an und hatte das Glück in einem Hotel auch gleich ein Zimmer zu bekommen. Ich ließ mich in die Federn fallen und schlief sofort wie ein Stein ein. Am nächsten Morgen fragte ich dann beim Frühstück die Hotelbesitzerin, wie ich am besten nach Kakliari ( ich hatte Cagliari auf Deutsch ausgesprochen) kommen würde. Sie zuckte mit den Achseln, denn sie kannte die Stadt nicht. Ich sagte es wäre doch die Hauptstadt von Sardinien und laut Landkarte war Decimomannu dort in der Nähe. "Ach", meinte sie, "sie meinen Caljari( Cagliari auf Italienisch)" und wir lachten. Nun ich bekam heraus das die nächste Möglichkeit die Fähre von Genua nach Porto Torres im Norden der Insel war, aber ob die am Ostermontag fahren würde wüßte sie nicht. Ich dachte mir, was solls, irgend etwas wird schon klappen und wenn ich eben warten muß bis eine geht! Ich stieg wieder in meinen roten Flitzer und düste gen Genua. Was mich stutzig machte, außer den Mautstationen die ich ja nicht kannte, das war der horrende Benzinpreis von 250 Lire pro Liter! Das war eine glatte Mark! In Hamburg kostete der Liter um die 80 Pfennig! Dafür war der Preis aber überall gleich, egal ob Autobahn oder Stadt. In der Nähe von Verona am Autogrill wollte mir jemand am Parkplatz eine "geschmuggelte" Rolex für 100 DM andrehen, ein Schnäpchen wäre es! Da war er an den Falschen gekommen. Mein Cousin ist Uhrmacher und hatte bei Rolex in Genf gelernt und ich hatte schon einige bei ihm im Laden beliebäugelt, daher erkannte ich sofort, daß es bestimmt keine Echte sein konnte. Der Kerl war kaum abzuschütteln doch zum Glück kam gerade ein Auto der Carabinieri vorbei und er verschwand ganz plötzlich.

Nach einer ganz entspannten Fahrt kam ich in der Mittagszeit in Genua an und machte mich auf die Suche nach dem Hafen. Das war gar nicht so einfach, denn die Stadt war wider Erwarten vollkommen Menschenleer! Nur ab und zu sah ich ein Auto durch die Straßen knattern, doch anscheinend wurden Ampeln überhaupt nicht respecktiert, ob rot oder grün, die fuhren einfach weiter! Na das kann ja spaßig werden, dachte ich mir. Doch ab und zu gab es Fußgänger und ich probierte mein Nasennavi an ihnen aus. Das funktionierte ganz einfach: ich fragte sie meinen Sprachführer in der Hand auf Italienisch: "Dove è il Porto per il traghetto per Sardegna?" ( Wo ist der Hafen für die Fähre nach Sardinien? ). Ich verstand die Worte der Antwort zwar nur bruchweise und rein intuitiv, aber die Handzeichen in die Richtung schon. Sobald die befragte Person in die entgegende oder andere Richtung zeigten fuhr ich dorthin und kam so ruckzuck bis an die Einfahrt des Hafens. Dort mußte man damals noch durch die Zollstation, aber das war entgegen anderen "Normalbürgern" ein glücklicher Umstand. Denn ich hatte ja meinen Nato- Marschbefehl den ich vorzeigte und siehe da, er wirkte Wunder! Der Zöllner fragte sofort auf Englisch wohin ich wollte und ich erwiderte: Porto Torres! Kaum ausgesprochen salutierte er und gab mir Zeichen doch dem anfahrenden Jeep zu folgen. Das tat ich natürlich und mein Begleiter brachte mich bis zum Ticketschalter wo er mit dem Angestellten redete und mich heranwinkte. Ich war sprachlos, was für ein Service! Ich bekam heraus, das noch heute die Fähre um 19 Uhr abgeht und bekam noch einen Kabinenplatz und auch das Auto war kein Problem. Ich zahlte, weiß nicht mehr wieviel, die Reisekosten bekam ich sowieso zurück und machte mich auf mich mit meinem Wagen in die zugewiesene Stellung zu bringen. Von Reihe konnte keine Rede sein, alles Stellte sich gerade dahin wo es am besten schien. Es war ein wirklich warmer Frühlingstag von fast 30 Grad und ich musste also fast den ganzen Nachmittag ausharren. Da erspähte ich in der Nähe ein Auto aus Offenburg! Auch Deutsche dachte ich mir, vielleicht auf Urlaub. Doch ich sah, daß die beiden Insassen sehr nach Soldat aussahen, also näherte ich mich und fragte nach. Ich hatte Recht, es waren zwei Wehrpflichtige sogar, die als Aushilfe nach Deci abkommandiert waren und ihre Autos nachgeholt hatten!

Ein Stück weiter stand nämlich der andere Wagen. Also freuten wir uns, besonders ich, daß wir die lange Fahrt durch die ganze Insel nicht alleine fahren brauchten, denn das war ja vollkommen unbekanntes Gebiet. Nach zahlreichen kurzen Besuchen der Bar vom Hafenamt weil ich mein Auto nicht sehr lange aus gutem Grund unbewacht lassen wollte ging es endlich auf die Fähre. Ich freute mich schon auf die Fahrt über die Insel, denn wenn es schon in Genua so warm war so mußte es auf Sardinien weil ja sehr viel weiter im Süden schon sommerlich sein. Einmal auf der Fähre machte ich mit meinen neuen Begleitern im Restaurant erst einmal den Plan, wie wir denn fahren mußten, denn entgegen meinen Erwartungen wußten die beiden weniger Bescheid als ich, obwohl sie ja schon mehr als einen Monat vorher auf der Insel waren! Machte nichts, ich hatte ja genügend Kartenmaterial beschafft und schnell war die Marschroute gefunden. Bevor wir dann in die Kabine gingen kippten wir zur "Taufe" noch ein paar Bier und ließen uns dann von den Schiffsbewegungen wie Kinder in den Schlaf wiegen. Das Erwachen war plötzlich und laut! jemand hatte an die Tür geklopft und gerufen! Es war sechs Uhr und wir sollten uns beeilen weil das Schiff schon am Anliegen war. Eigentlich sollte es ja erst um 7 Uhr ankommen, nun denn, rein in die Klamotten, Katzenwäsche und noch mal auf die Toilette, das schöne, warme Sardinien konnte kommen! Pustekuchen, wir waren doch noch auf hoher See, das Personal hatte uns reingelegt und wollte nur rechtzeitig die Kabinen leer haben und da standen wir nun auf der Treppe zur Garage wie bestellt und nicht abgeholt! Die Fähre kam tatsächlich erst um 7 Uhr im Hafen von Porto Torres an und wir konnten nachdem wir uns die Beine in den Bauch gestanden hatten endlich zu den Autos und nichts stand mehr im Wege endlich das schöne, sonnige und warme Sardinien zu begrüßen!

Ich näherte mich der Rampe der Fähre erwartungsvoll und wunderte mich, daß es relativ dunkel war. Kaum war ich vom Schiff gerollt wußte ich auch warum. Von wegen schönes, sonniges und warmes Sardinien! Es wehte eine kräftige Brise, die Wolken hangen tief und schwarz und es schüttete wie aus Eimern. Was für eine Enttäuschung, das war wirklich wie im Taufbecken! Nachdem wir erst einmal wieder bei der nächsten Tankstelle vollgetankt hatten und auch gefrühstückt hatten, machten wir uns auf den Weg. Von Porto Torres nach Sassari war es nicht weit und die Superstrada war gut ausgebaut. Doch weiter als bis Sassari ging sie nicht und wir mußten durch die ganze Stadt und am anderen Ende war es richtig schwierig, denn der ganze Verkehr Richtung Cagliari floss über einige enge Serpentinen den Berg hinunter, um danach wieder als vierspurige Straße in der Ebene weiterzugehen. Die Arbeiten für ein paar Straßentunnel waren noch im vollen Gang. Schwierig war es deshalb, weil die ganze Zeit jemand einen Wassereimer über das Auto hielt und ihn ausschüttete das die Scheibenwischer es gar nicht schafften. Das war auch der Grund, weshalb ich als drittes Auto nach einer Kurve das riesige Schlagloch auf der Straße nicht sah und voll reinbretterte! Ich hatte mich nicht wenig erschrocken und dachte mir wären die Räder abgefallen! Nachdem ich meinen Reisebegleitern mit der Lichthupe zu verstehen gegeben hatte am nächsten Halteplatz zu stoppen um die Räder zu kontrollieren viel mir ein Stein vom Herzen. Es war nichts passiert. Das Wasser im Schlagloch muß als Dämpfer funktioniert haben. Trocken hätte es bestimmt einige Schäden gegeben. So allmählich kam in mir der Gedanke auf, daß mein Kadett ein richtiges Glücksauto war, nichts konnte ihm was anhaben! Der Rest der Fahrt war eigentlich eine Uboot- Fahrt aber ging recht zügig voran und wir erreichten den Stützpunkt Decimomannu um etwa 13 Uhr. Der Haupteingang war mit Italienischen Soldaten besetzt, weil es ja ein Italienisches Hoheitsgebiet ist. Ich zeigte wiederum meinen Natomarschbefehl vor, wo alles genau drin stand wo ich mich zu melden hatte. Man zeigte mir den Weg und guter Dinge wollte ich mich vorstellen, denn in der Zwischenzeit hatte es auch aufgehört zu regnen. Ich ging in den Geschäftsblock und klopfte an die Tür. Keine Antwort. Also wartete ich, meine beiden anderen Reisebegleiter waren von einer anderen Einheit und waren schon zu ihren Wohnblocks gefahren. Wir wollten uns später in der Kantine treffen. Ich wartete und wartete und endlich kam jemand der mich fragte was ich denn hier suchte. Ich zeigte meine Versetzung und der Spieß ( er kam gerade vom Mittagessen ) zuckte mit den Achseln. Nein hier wäre das nicht, das ist die Technische Staffel. Meine Spezialisierung als Flugausrüstungsspezialist sei zwar die richtige, aber ich wäre zur Ausbildungsstaffel abkommandiert und zwar bei Sea- Survival. Er begleitete mich zum richtigen Geschäftszimmer und verabschiedete sich. Nun, zweiter Versuch. Der Staffelchef kam gerade vorbei und fragte mich verwundert was ich denn hier suche. Stolz zeigte ich meinen Natomarschbefehl vor und lächelte. Er guckte ihn verwundert an und zuckte mit den Achseln. "Wieso schicken die aus Deutschland erst jetzt einen Spezialisten und über Ostern und wir wissen nichts davon?" fragte er und setzte fort: "Wir haben vor einem Monat eine Aushilfe schon bekommen, jetzt haben wir zwei! Wenn die das schon gewußt haben, warum haben nicht rechtzeitig ein Fernschreiben geschickt. Die wissen doch, daß wir hier vierzehn Tage Osterdienstbefreiung haben und die Fernschreibstelle nicht besetzt ist! Sie hätten sich gar nicht so beeilen brauchen, im Augenblick ist hier sowieso nur Notdienst."

Das hatte ich auch schon mitbekommen, daß hier nicht besonders viel los war! Nun, es war ja nicht mein Fehler und war zwar überstürzt aber pünktlich angekommen. Nachdem ich mein Zimmer zugewiesen bekommen hatte, ein Einzelzimmer mit WC und Duschbad und Balkon, fast wie im Grandhotel, so etwas war in Deutschland noch nicht mal in Träumen zu haben, wenigstens in einer Kaserne, machte ich mich daran meine Sachen auszupacken und mir erstmal die Bude nach meinem Geschmack herzurichten. Außerdem wollte ich mich auch ein wenig ausruhen, denn nun war ich ja dort wo ich sein sollte und es hatte alles geklappt und der Adrenalinspiegel sank. Ich mußte wohl eingenickt sein, denn es war schon später Nachmittag und ich hörte vielstimmige Geräusche und Musik die aus dem Flur bis zu meinem Zimmer kamen. Also erhob ich mich und ging neugierig dieser Geräuschquelle nach. Und richtig, mein Nasennavigator hatte mal wieder Recht! Gleich am Eingang des Wohnblocks befand sich die Staffelbar und die war schon geöffnet worden, es war ja schon nach Feierabend. Erwartungsvoll trat ich ein und stellte mich erstmal vor als neues Mitglied dieser Gemeinschaft. Da wußte ich noch nicht in welche Hände ich geraten sollte!

Wenig später, ich hatte schon mein zweites Bier hinter mir, näherte sich ein etwas älterer, sehr freundlicher Herr, es war der katholische Militärpfarrer! Er lud mich sofort, als Taufe, zu einem Sambuca ein. Ich kannte das Zeug noch nicht, schmeckte aber hervorragend, wenigstens der Erste. Ich wußte nicht, daß ich mich mit dem schlimmsten Trunkenbold der ganzen Kaserne eingelassen hatte, der mich mit freundlichen Worten immer wieder einen Sambuca zu trinken bis bei mir die Lichter ausgingen. Auf fast nüchternen Magen, bis auf das Frühstück und ein paar Bretzel an der Staffelbar hatte ich an dem Tag nichts gegessen, waren zwei Bier und eine ganze Flasche Sambuca wohl zuviel. Mir war gar nicht gut und auch am nächsten Morgen an dem ich auf meiner Dienststelle sein mußte war da ein Schmerz im Kopf, der für fast eine Woche anhielt. Ich hatte ein für allemal die Nase von Sambuca voll und kann das Zeug bis heute nicht mehr riechen. Mein Erscheinen auf der Dienststelle erweckte die gleiche Verwunderung wie beim Staffelchef, vor allem auch bei mir, denn dort gab es nicht nur Kollegen von der Luftwaffe wie ich erwartete sondern auch vom Heer und vor allem der Marine. Denn wie ich herausbekam war ich dafür Verantwortlich das Einsatzmaterial vom Überleben- See- Training der Piloten und Offiziersanwärtern. Die theoretische Ausbildung fand am Flugplatz statt, die praktische dagegen in der Bucht von Cagliari, wo wir unsere Boote im Hafen von Marina Piccola hatten. Also deswegen waren die Mariner da!

Schnell schweißte sich unsere Gemeinschaft zusammen und am 25. April verabredeten wir uns zu dritt, weil Feiertag in Italien war zu einer Rundfahrt durch die Insel. Natürlich mit meinem Kadett, der hatte ja eine Menge Platz hatte und dazu noch einen Riesenkofferraum. Nicht unerheblich war auch der geringe Benzinverbrauch, ich kam im Schnitt mit 6,5 Liter/100 km aus, das war im Gegensatz zu den älteren "Kisten" meiner Kollegen nicht schlecht. Wir fuhren also in der Frühe bei allerschönstem Wetter ( endlich! ) los und wollten die Südküste umrunden. Von Decimomannu ging es zunächst nach Iglesias und nach Sant'Antiocco um dann über Teulada die atemberaubende Küstenstraße zum Strand von Chia zu fahren. Wir kamen aus dem Staunen gar nicht heraus und wußten gar nicht wo wir zuerst hinschauen sollten, wie zum Beispiel die Straßeneisäumenden Hecken aus Fiegenkaktussen oder den Orangenhainen und schließlich dieser Strand! Kilometerweit weißer Sand und ein kristallklares Wasser, menschenleer, wir glaubten in der Südsee zu sein. Dann kamen wir auf die Idee, weil wir Hunger hatten doch nach Cagliari zu fahren, weil Rainer, der schon etwas länger da war, dort ein Lokal kannte das hervorragende Thunfischbrötchen machte! Also los, wir ließen Pula und Nora rechts liegen und steuerten Cagliari an. Es ist zwar keine Riesenmetropole, aber immerhin die größte und Hauptstadt Sardiniens mit fast 200.000 Einwohnern. Wenn man dann noch nicht einmal den Straßennamen weiß, da kann man sich vorstellen, das man fast eine Stecknadel im Heuhaufen sucht. Doch einen Anhaltspunkt hatte Rainer! Es war in einer Straße mit vier Spuren und einem Grünstreifen in der Mitte hat. Davon gab es nicht viele. Also fuhren wir durch die Stadt und siehe da er erkannte die Straße nach einigem Herumkreisen wieder! Aber wo war das Lokal? Nichts ließ uns davon abbringen um endlich an diese so köstlichen Thunfischbrötchen heranzukommen! und endlich, ein Lichtblick, Rainer hatte auch dieses Lokal wiedererkannt, es hieß: Cafè Cristal!

Nun wir stürzten hungrig hinein und bestellten uns endlich die so langersehnten Delikatessen! Wir setzten uns an einen Tisch zu dritt, Rainer, Josef und ich und ließen es uns schmecken. Rainer hatte wirklich recht die waren eine Wucht! Aber an einem etwas entfernteren Nebentisch war mir eine Gruppe aufgefallen die aus zwei schmucken Mädchen und ihrem Begleiter bestand, offensichtlich Freunde die sich einen Espresso gönnten. Besonders eine war mir aufgefallen weil die besonders flott war. Plötzlich stand genau diese auf und kam auf unseren Tisch zu! Sie fragte blitzschnell: "Do you speak english?", bekam einen hochroten Kopf und ohne die Antwort abzuwarten zischte sie wieder ab und setzte sich wieder zu ihren Freunden! Das war zu viel für mich, das kann man so nicht stehen lassen und ich stand auf, um die Sache zu klären! Also setzte ich mich zu der Gruppe, fragte aber vorher höflich ob ich störte. Da ich willkommen war, begonnen wir ein Gespräch teilweise in Englisch, teilweise mit Händen und Füßen doch ich bekam heraus, das die flotte Biene versuchte einen Job in England zu finden und sich, weil sie uns für Engländer gehalten hatte, erkundigen wollte wo man am besten Englisch lernen kann. Na das war ein Ding! Ich sprach gut Englisch und bat sofort an, daß ich es ihr beibringen könnte. Wir verabredeten uns für das nächste Wochenende und ich sagte sie soll auch ruhig ein paar Freundinnen mitbringen, denn auch meine Begleiter waren in der Zwischenzeit aufmerksam georden. Nun, aus dem Englischlernen ist nicht viel geworden, auch wenn diese wirklich schöne Gestalt sich immer mit einem Vokabelbuch Englisch - Italienisch von zu Hause fortschlich um zu den nach und nach regelmäßigen Verabregungen zu kommen, wurde eigentlich nicht viel aus dem Englischlernen. Mit meinem Supercar holte ich sie immer an der gleichen Stelle der Piazza ab. Der Kadett gefiel ihr sehr, denn als Autoradio hatte ich ein Blaupunkt Bamberg CR, mit dem man auch mit einem Mikrofon die Stimmen aufnehmen konnte, das wir gegenseitig zur Kontrolle der Aussprache benutzten. Ich lernte dafür umso schneller Italienisch und hatte Herz und Verstand verloren.

Es öffnete ein Herr mittleren Alters und fragte mich nach meinem Anliegen. Ich nahm allen Mut zusammen und sagte: "Io amare Maria!" ( Ich lieben Maria ). Er schaute mich kurz an und gab mir Zeichen mich ins Wohnzimmer zu setzen. Mannomann was hatte ich Muffensausen, was würde nun geschehen? Entgegen meinen schlimmsten Erwartungen kam mein späterer Schwiegervater sofort mit Frau und Tochter wieder und auch einem Glas Wein dazu. Als Dolmetscher für knifflige Fragen war natürlich meine Liebste da, aber die Atmosphäre war eigentlich von Anfang an entspannt, denn wir kamen aus der gleichen Sparte. Mein Schwiegervater hatte eine Werkstatt in der Nähe von Cagliari für Landmaschinen und natürlich Autos und ich hatte ja Kfz- Mechaniker bei Mercedes gelernt, wo mein Vater stellvertretender Geschäftsführer war. Also kamen wir schnell auf die gleiche Linie und im Juli kamen meine Eltern zur Verlobung, am 21. Dezember des selben Jahres war die Hochzeit und wir sind bis heute noch glücklich.

Nach meiner Zeit bei der Bundeswehr zog es mich wieder auf die Insel , doch ich sattelte vollkommen um. Ich studierte zunächst Käsereitechnik in Piacenza und Mikrobiologie in Sassari um danach als Produktionsleiter in mehreren Molkereibetrieben hier auf Sardinien bis zu meiner Rente zu arbeiten. Das geliebte Kadett Coupè bekam nach einem Motorschaden durch meinen Schwiegervater in seiner Werkstatt noch einen 1900er Motor mit 90 PS samt Getriebe vepaßt, das war ja in der damaligen Zeit mit so viel Platz im Motorraum gar nicht so schwierig. Jedenfalls für Ihn, denn er war ein richtiger Künstler auf dem Gebiet! Aus einem 128er Fiat hatte er einen Pickup gebaut, der ihm als Werkstattwagen und Transporter für Ersatzteile diente, wenn er mal Einsätze in der Weite der Natur hatte, denn er wurde gerufen, wenn mal ein Mähdrescher mitten auf dem Feld kaputt ging. Der Kadett wurde durch den 1900er Motor zu einem richtigem Geschoß, aber das brauche ich ja keinem zu erklären. TÜV und so gab es auf der Insel ja nicht und bevor ich damit belastet wurde hatte ich den Kadett gegen einen Lancia Beta HPE 2000 als Neuwagen getauscht und ihn an einen Händler abgegeben der ihn in den Libanon weiterverkaufte.

Trotzdem weine ich diesem Auto noch heute nach, nicht nur weil er ein wichtiger Teil meines Lebens war, sondern auch weil durch den Kadett und den Umständen darum mein Leben total verändert wurde. Wer weiß was gewesen wäre wenn ich mir stattdessen damals einen Opel GTJ zugelegt hätte und wir kein Thunfischbrötchen gegessen hätten?